Als du fortgingst / Erwachen

 

 

Der erste Atemzug.

   Nach einer Ewigkeit – na, zumindest fühlt es sich so an – und die Tränen schießen dir in die Augen. Es ist der Moment, wo du dir einredest, dass du alles richtig gemacht hast. Du warst dir treu geblieben, hattest alles gegeben – und es hatte überhaupt nichts gebracht.

   Dann kommt der Schmerz. Wahrhaftiger, tiefster Schmerz. Einer, der deine brennenden Eingeweide anschwellen und zur Explosion zu bringen scheint. Ein solch verheerender Schmerz, der dir spürbar das Blut schubweise durch die verengten Gefäße drückt. Einer, der dir den Brustkorb auf grausamste Weise zusammenpresst und dir den Atem nimmt.

   Der zweite Atemzug.

   Wenn dein Körper rebelliert und der Instinkt, die Qualen zurückzuhalten, versagt. Das Kohlendioxid muss raus! Es muss! Und zwar jetzt! Scheißegal, wie sehr es dir wehtut. Scheißegal, dass dein Zwerchfell sich verkrampft, deine Nieren stechend in deinem Rücken liegen, gleich Embryonen, zusammengekauert und in dem verzweifelten Versuch gefangen, keine Messerstiche zu spüren. Sie kommen dennoch!

   Der dritte Atemzug.

   Ein innerer Schrei! Befreiend. Wie millionen Silvesterraketen schön. Avernalisch und mit der grausamen Gewissheit, dass dieser Schmerz sich in die Länge ziehen wird. Ähnlich einem Kaugummi, den man mit den Fingerspitzen gehalten aus dem Mund zieht, sich auf den Finger kringelt und den man dann, wieder kaubar und kalt, zwischen die Zähne zurückschiebt.

 

   »Ich komme gleich wieder!«

 

   Der vierte Atemzug.

   Es schmerzt nicht mehr so stark. Oder doch? Doch! Du hörst dein Herz wieder schlagen. Hämmern! Deine ohnehin geschundenen Lungen werden nun ebenso von innen malträtiert. Lange hatten sie sich hinter deinen Rippenbögen versteckt. Deine flache Atmung hatte sie stupide werden lassen. Eingeschläfert fast. Nun war der Schutz dahin. Pochen von innen, Quetschungen von außen.

 

   »Du lebst!«

 

   Die Muskeln in deinen Armen wehren sich. Sie kämpfen an gegen den Reflex, sich zu den Augen zu bewegen, um die eisige Träne, die sich auf den Weg zu deinem Kinn gemacht hat, wegzuwischen. Die Fasern blockieren, sie brennen. Sie arbeiten weiter.

 

   »Wie du!«

 

   Erneut ein Schub Wasser aus den Drüsen. Einer unsäglichen Pumpe gleich, die dich foltern will.

 

   »He, Alter! Wisch das auch noch weg!«

 

   Du schlägst deine Zähne in die Lippen. Das, was man im Allgemeinen als ›Zähne zusammenbeißen‹ bezeichnet. Doch du tust es zu hart. Zu tief, und der Geschmack von Blut flutet deinen Mund. Bei deinem Versuch, ihn wieder zu öffnen, reißen sie auf und dünne Hautfetzen bleiben an den Schneidezähnen kleben. Die Wunde brennt, und die Feuerwehr, tief in deinen Augen, schickt einen Schwall Löschwasser los. Er strömt aus den Augenwinkeln und ergießt, weil du ungünstig sitzt, den Bach körpereigenen Salzwassers über deinen Nasenrücken. Deinem so geschundenen, offenen Fleisch entgegen.

   Doch diese kleinen Tränen haben auch Positives: Deine Sinne schalten sich wieder ein.

   Wie lange war ich so?

   Zu lange warst du so, doch nun musst du wieder.

   Weitermachen! Du musst!

   Der süßliche Geschmack von Blut in deinem Mund vergeht. Er wird fade und ekelerregend.

   Dann kommt der nächste Atemzug. Stotternd wie das Starten eines Motors im Winter. Doch er wird anspringen.

 

   »Oh ja!«

 

   Im Licht der Straßenbeleuchtung, das durch die Küchenfenster hereinfällt, kannst du die Umrisse der Fliesen sehen, auf denen du sitzt. Ein mattes Orange.

   Oder ist das nur das Licht?

   Nein. Sie sind tatsächlich orangefarben und wärmen dich, da unter deinem trägen Arsch die Schlingen der Fußbodenheizung verlaufen. Vor deinem inneren Auge kannst du sie förmlich sehen und mit den Fingern auch beinahe ertasten, wenn du mit ihnen über die glatte Oberfläche streichst. Nun melden sich auch deine Ohren zurück. In der Ferne schlägt die Turmuhr. Nur ein Mal.

 

   »Nur ein PING!«

   Halb ... Irgendwas.

 

   Es folgt ein gewollter Atemzug. Du zwingst dich, den Reflex zu unterstützen. Es sticht bis tief in die Bandscheiben deines Rückens hinein, denn nicht nur deine Nieren hatten sich wie schlafende Babys zusammengerollt, sondern alles an dir. Alles in dir. Dein gesamter Körper.

   Entfaltungsmöglichkeiten.

 

   »Höre ich da den Rest deines Humors?«

 

   Dann taucht ein Bild vor deinen Augen auf. Ihr Bild. Du drückst dir den Arm beinahe in deinen Mund – und schreist!